Ein typischer Segeltag (ein Mitsegler schreibt…)

Nacht

… der Abend ging erst spät nachts zu Ende. Alle sind in ihren Kojen verschwunden. Es stehen noch ein paar leere Getränkedosen und eine Schüssel mit Erdnussflips herum. Ich schlaf heut nicht in der Kajüte, ich will die klare Nacht genießen. Wann kann ich das schon mal daheim. Ich hab grad keine Ahnung wo wir eigentlich genau sind. Das ist mir im Moment aber auch völlig egal, Hauptsache es ändert sich nicht. Hier hab ich meine Ruhe, endlich. Ich hör ein ganz leises Plätschern unter der Badeplattform am Heck. Sonst hör ich nichts. Gar nichts. Herrlich. Ich hab mir die Auflage und meinen Schlafsack geholt und lieg nun absolut losgelöst von der Restwelt auf einer der beiden Bänke im Cock- pit und starre in den dunkelblauschwarzen Himmel. Je länger ich schau, um so mehr Sterne kann ich erkennen. Plötzlich wach ich wieder auf. Ich höre irgend- was und schau mich um. Es ist stockdunkel. Es ist vier Uhr früh. Ich schnapp mir meine Stirn- lampe und versuche Richtung Bug etwas zu erkennen. Da ist jemand am Ankerkasten. Helmut, der Skipper kommt nach hinten und erklärt mir, dass er den Anker kontrolliert hat. Es wäre ja auch fatal, wenn sich der Anker gelöst hätte und wir unbemerkt auf einen Felsen zutreiben würden.

Frühmorgens

Die ersten Sonnenstrahlen wecken mich auf. Es ist schon so warm, dass ich mich sofort des Schlafsacks entledige. Der Tisch ist leer, eine Kaffeekanne steht jetzt drauf. Renate ist wach und richtet das Frühstück her. Der Tag beginnt. Nach dem Frühstück nochmal eine Ansage des Skippers was wir heute vorha- ben. Quasi die Wiederholung von gestern Abend, als wir gemeinsam beschlossen, wohin wir wollen, jetzt aber mit aktualisierten Wetter- daten. Also auf zur nächsten Bucht. Motor an. Anker auf und erstmal ein paar Meilen mit dem Motor die Batterie aufladen. Es ist eh grad überhaupt kein Wind, also blei- ben die Segel erstmal unten und wir fahren in einen Hafen um Proviant zu besorgen. Helmut legt souverän an. Nach dem Beladen übernimmt Christine das Ruder und motort uns aus dem Hafen Rich- tung Süden. Vorbei an der gerade einlaufen- den AIDA. Die hupt uns an, um zu signalisieren an welcher Seite wir vorbeifahren sollen. Was für eine Aufregung 50 Meter neben diesem Monster. Am südwestlichen Horizont ein paar Wolken, hohe Wolken, Cumulonimbus-Wolken sagt meine Wetter-App. Ungute Wolken mit viel Potential. Und schon wird es windig. Die Wolken sind noch weit weg. Helmut ruft „auf geht‘s - Segel setzen“. Und alle sind plötzlich da. Keiner will das Spektakel versäumen, es gibt ja auch einiges zu tun. Erstmal das Groß. „Christine, Schiff in den Wind“, Christine schaut auf den Verklicker und den Windanzeiger vor sich, korrigiert den Kurs und schon steht das Schiff genau im Wind, also der Wind kommt genau von vorn und das Schiff steht. Dirk durchsetzen, Großschot und Baumnieder- holer öffnen, Großfall auf Winsch belegen, Großsegel mit Großfall hochziehen und an der Winsch mitkurbeln, Dirk wieder fieren. Wer ist überhaupt Dirk? Und warum soll er frieren? Dann die Genua, also das große Vorsegel. Die Bergeleine im Cockpit soll jetzt frieren, nein, man muss sie fieren (also lockern). Dazu über die Winsch legen und langsam lockern, gleich- zeitig an einer anderen Winsch die Lee- oder Luv-Leine der Genua (je nach Wind) ziehen, bis die Genua ausgerollt ist. Lee, Luv, fieren, dichtholen, Winsch, Dirk, Fall und und und … kein Problem. Diese Vorgänge wiederholen sich am Tag immer wieder und Helmut wird nicht müde uns die Zusammen- hänge zu erklären. Sogar der Holepunkt wurde ausgibigst bean- sprucht. Auf einer am Deck angebrachten Schiene kann man der Leine des Vorsegels einen bestimmten Winkel geben, damit das Segel richtig im Wind steht. Der Punkt wo die Leine fixiert wird, heisst Holepunkt. Helmut trimmt damit das Segel. Rollgroß und Rollgenua sind schnell gesetzt. Helmut geht ans Ruder, damit das Schiff den richtigen Kurs zum Wind bekommt. Und schon wedelt es auf dem Schiff, es kommt schön Fahrt auf und es wird wellig. Weiterlesen
Die Getränke und diverse Schüsseln müssen in Sicherheit gebracht werden, weil das Schiff gleich eine ordentliche „Krängung“, also Schief- lage bekommt. Jeder muss sich irgendwo festhalten. Und ab geht die Post. Der Wind schiebt uns nach vorn. Es ist inzwischen schon fast Mittag und entsprechend warm. Nur wer im Schatten des Großsegels sitzt beschwert sich, dass er keine Sonne abkriegt. Mittags Renate hat uns grad mit Häppchen versorgt. Sie schafft es mit Leichtigkeit sich unter Deck in der schwankenden Pantry (Küche) ohne Beschwerden zu bewegen. Für mich ist das nichts. Ich muss oben an Deck - an der frischen Luft - bleiben. Plötzlich flaut der Wind ab. Das ist mittags gar nicht so ungewöhnlich. Also wieder runter die Segel. Aber der Motor bleibt aus. Es ist herrlich warm und alle wollen ins Wasser. Wir werfen einen Fender als Rettungs- sicherung rein. Einer muss natürlich immer an Bord bleiben. Ich hol meine Kamera, während alle anderen ins Wasser springen. Es geht ein paar Meilen mit dem Motor weiter, bis endlich der Wind wieder aufkommt. Anja hat das Ruder an Steuerbord übernom- men und ist inzwischen „Wenden“-süchtig. „Klar machen zur Wende“ plärrt sie sicher 12 mal und 12 mal ziehen, zerren und kurbeln die Mitsegler und der Skipper an den Leinen. Was für ein Spaß! Wir fahren gerade von Ost nach West, als wir eine von Süd nach Nord anrollende Segel- regatta sehen. Wir müssen quasi genau zwischen durch. Ich steh grad am Ruder an Backbord und versuche ein Loch zwischen den Regatta- seglern zu finden ohne selber Fahrt rausneh- men zu müssen. Ich seh kein Loch. „Helmut, wo soll ich durch?“ „Des schaffst du scho“ Dann will ich schon schräg zwischen durch, damit eine etwaige Kollission nicht so heftig wird. „90 Grad durch zwischen dem blauen und dem weißen Segel“ ruft Helmut. Ich schwitze, weil ich die Abstände in Relation auf unsere Geschwindigkeit nicht richtig einschätzen kann „Helmut, gleich krachts“, Helmut: „des passt scho“. Die Regattasegler haben sicher gedacht, dass da ein Vollprofi zwischen ihnen durch ist. Ja klar, aber nur, weil mir unser Skipper Helmut gezeigt hat, wie‘s geht.

Abends

Wir wollen um 18 Uhr beim Inselwirt sein. Wieder Ankern in einer Bucht, aber eben vorm Inselwirt und nicht irgendwo in der freien Natur. Der Inselwirt ist bekannt für sein extrem gutes Essen, aber auch für seinen Schnaps, den es umsonst dazu gibt. Um 15 Uhr rufen wir den Wirt an, wir finden die Telefonnummer im Hafenhandbuch. Der Mobilfunk funktioniert. Der Tisch ist nun reserviert. Alle sind ausgehbereit, das Dingy wird zu Wasser gelassen. Sprit überprüft, zur Sicher- heit auch die Paddel mitnehmen. Die Schuhe und wasserdichten Seebeutel werden ins Bei- boot gereicht, dann langsam reinsetzen, ja nicht springen. Zwei Fuhren sind es bis alle sieben Be- satzungsmitglieder am Ufer sind. Einige Stunden und einige Kalorien, sowie diversen Sirtaki-Tänzen mit Einheimischen später geht‘s dann wieder zurück. Es ist inzwischen schwarze Nacht. Aber das Ankerlicht weist uns den Weg. Auch das Anlegen am Schiff und das Aussteigen aus dem Dingy erfordert nun bei Dunkelheit große Disziplin und Sorgfalt. Kein Problem. Alle wieder sicher an Bord. Jetzt noch ein Absacker und vielleicht nochmal das Schunkel-Lied von gestern.
Welle Der Text stammt nicht von uns, sondern von einem Mitsegler nach oben
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Leben ist wie Segeln: man kann Wetter und Wasser nicht ändern, aber man kann immer das Beste daraus machen

Ein typischer Segeltag

(ein Mitsegler schreibt…)

Nacht

… der Abend ging erst spät nachts zu Ende. Alle sind in ihren Kojen verschwun- den. Es stehen noch ein paar leere Getränke- dosen und eine Schüssel mit Erdnussflips herum. Ich schlaf heut nicht in der Kajüte, ich will die klare Nacht genießen. Wann kann ich das schon mal daheim. Ich hab grad keine Ahnung wo wir eigentlich genau sind. Das ist mir im Moment aber auch völlig egal, Hauptsache es ändert sich nicht. Hier hab ich meine Ruhe, endlich. Ich hör ein ganz leises Plätschern unter der Badeplattform am Heck. Sonst hör ich nichts. Gar nichts. Herrlich. Ich hab mir die Auflage und meinen Schlafsack geholt und lieg nun absolut losgelöst von der Restwelt auf einer der beiden Bänke im Cock- pit und starre in den dunkelblauschwarzen Himmel. Je länger ich schau, um so mehr Sterne kann ich erkennen. Plötzlich wach ich wieder auf. Ich höre irgend- was und schau mich um. Es ist stockdunkel. Es ist vier Uhr früh. Ich schnapp mir meine Stirn- lampe und versuche Richtung Bug etwas zu erkennen. Da ist jemand am Ankerkasten. Helmut, der Skipper kommt nach hinten und erklärt mir, dass er den Anker kontrolliert hat. Es wäre ja auch fatal, wenn sich der Anker gelöst hätte und wir unbemerkt auf einen Felsen zutreiben würden.

Frühmorgens

Die ersten Sonnenstrahlen wecken mich auf. Es ist schon so warm, dass ich mich sofort des Schlafsacks entledige. Der Tisch ist leer, eine Kaffeekanne steht jetzt drauf. Renate ist wach und richtet das Frühstück her. Der Tag beginnt. Nach dem Frühstück nochmal eine Ansage des Skippers was wir heute vorha- ben. Quasi die Wiederholung von gestern Abend, als wir gemeinsam beschlossen, wohin wir wollen, jetzt aber mit aktualisierten Wetter- daten. Also auf zur nächsten Bucht. Motor an. Anker auf und erstmal ein paar Meilen mit dem Motor die Batterie aufladen. Es ist eh grad überhaupt kein Wind, also blei- ben die Segel erstmal unten und wir fahren in einen Hafen um Proviant zu besorgen. Helmut legt souverän an. Nach dem Beladen übernimmt Christine das Ruder und motort uns aus dem Hafen Rich- tung Süden. Vorbei an der gerade einlaufen- den AIDA. Die hupt uns an, um zu signalisieren an welcher Seite wir vorbeifahren sollen. Was für eine Aufregung 50 Meter neben diesem Monster. Am südwestlichen Horizont ein paar Wolken, hohe Wolken, Cumulonimbus- Wolken sagt meine Wetter-App. Ungute Wolken mit viel Potential. Und schon wird es windig. Die Wolken sind noch weit weg. Helmut ruft „auf geht‘s - Segel setzen“. Und alle sind plötzlich da. Keiner will das Spektakel versäumen, es gibt ja auch einiges zu tun. Erstmal das Groß. „Christine, Schiff in den Wind“, Christine schaut auf den Verklicker und den Windanzeiger vor sich, korrigiert den Kurs und schon steht das Schiff genau im Wind, also der Wind kommt genau von vorn und das Schiff steht. Dirk durchsetzen, Großschot und Baumnieder- holer öffnen, Großfall auf Winsch belegen, Großsegel mit Großfall hochziehen und an der Winsch mitkurbeln, Dirk wieder fieren. Wer ist überhaupt Dirk? Und warum soll er frieren? Dann die Genua, also das große Vorsegel. Die Bergeleine im Cockpit soll jetzt frieren, nein, man muss sie fieren (also lockern). Dazu über die Winsch legen und langsam lockern, gleich- zeitig an einer anderen Winsch die Lee- oder Luv-Leine der Genua (je nach Wind) ziehen, bis die Genua ausgerollt ist. Lee, Luv, fieren, dichtholen, Winsch, Dirk, Fall und und und … kein Problem. Diese Vorgänge wiederholen sich am Tag immer wieder und Helmut wird nicht müde uns die Zusammenhänge zu erklären. Sogar der Holepunkt wurde ausgibigst bean- sprucht. Auf einer am Deck angebrachten Schiene kann man der Leine des Vorsegels einen bestimmten Winkel geben, damit das Segel richtig im Wind steht. Der Punkt wo die Leine fixiert wird, heisst Holepunkt. Helmut trimmt damit das Segel. Rollgroß und Rollgenua sind schnell gesetzt. Helmut geht ans Ruder, damit das Schiff den richtigen Kurs zum Wind bekommt. Und schon wedelt es auf dem Schiff, es kommt schön Fahrt auf und es wird wellig. Die Getränke und diverse Schüsseln müssen in Sicherheit gebracht werden, weil das Schiff gleich eine ordentliche „Krängung“, also Schief- lage bekommt. Jeder muss sich irgendwo festhalten. Und ab geht die Post. Der Wind schiebt uns nach vorn. Es ist inzwischen schon fast Mittag und entsprechend warm. Nur wer im Schatten des Großsegels sitzt beschwert sich, dass er keine Sonne abkriegt. Mittags Renate hat uns grad mit Häppchen versorgt. Sie schafft es mit Leichtigkeit sich unter Deck in der schwankenden Pantry (Küche) ohne Beschwerden zu bewegen. Für mich ist das nichts. Ich muss oben an Deck - an der frischen Luft - bleiben. Plötzlich flaut der Wind ab. Das ist mittags gar nicht so ungewöhnlich. Also wieder runter die Segel. Aber der Motor bleibt aus. Es ist herrlich warm und alle wollen ins Wasser. Wir werfen einen Fender als Rettungssicherung rein. Einer muss natürlich immer an Bord bleiben. Ich hol meine Kamera, während alle anderen ins Wasser springen. Es geht ein paar Meilen mit dem Motor weiter, bis endlich der Wind wieder aufkommt. Anja hat das Ruder an Steuerbord übernom- men und ist inzwischen „Wenden“-süchtig. „Klar machen zur Wende“ plärrt sie sicher 12 mal und 12 mal ziehen, zerren und kurbeln die Mitsegler und der Skipper an den Leinen. Was für ein Spaß! Wir fahren gerade von Ost nach West, als wir eine von Süd nach Nord anrollende Segel- regatta sehen. Wir müssen quasi genau zwischen durch. Ich steh grad am Ruder an Backbord und versuche ein Loch zwischen den Regatta- seglern zu finden ohne selber Fahrt rausneh- men zu müssen. Ich seh kein Loch. „Helmut, wo soll ich durch?“ „Des schaffst du scho“ Dann will ich schon schräg zwischen durch, damit eine etwaige Kollission nicht so heftig wird. „90 Grad durch zwischen dem blauen und dem weißen Segel“ ruft Helmut. Ich schwitze, weil ich die Abstände in Relation auf unsere Geschwindigkeit nicht richtig ein- schätzen kann „Helmut, gleich krachts“, Helmut: „des passt scho“. Die Regattasegler haben sicher gedacht, dass da ein Vollprofi zwischen ihnen durch ist. Ja klar, aber nur, weil mir unser Skipper Helmut gezeigt hat, wie‘s geht.

Abends

Wir wollen um 18 Uhr beim Inselwirt sein. Wieder Ankern in einer Bucht, aber eben vorm Inselwirt und nicht irgendwo in der freien Natur. Der Inselwirt ist bekannt für sein extrem gutes Essen, aber auch für seinen Schnaps, den es umsonst dazu gibt. Um 15 Uhr rufen wir den Wirt an, wir finden die Telefonnummer im Hafenhandbuch. Der Mobilfunk funktioniert. Der Tisch ist nun reserviert. Alle sind ausgehbereit, das Dingy wird zu Wasser gelassen. Sprit überprüft, zur Sicher- heit auch die Paddel mitnehmen. Die Schuhe und wasserdichten Seebeutel werden ins Bei- boot gereicht, dann langsam reinsetzen, ja nicht springen. Zwei Fuhren sind es bis alle sieben Be- satzungsmitglieder am Ufer sind. Einige Stunden und einige Kalorien, sowie diversen Sirtaki-Tänzen mit Einheimischen später geht‘s dann wieder zurück. Es ist inzwischen schwarze Nacht. Aber das Ankerlicht weist uns den Weg. Auch das Anlegen am Schiff und das Aussteigen aus dem Dingy erfordert nun bei Dunkelheit große Disziplin und Sorgfalt. Kein Problem. Alle wieder sicher an Bord. Jetzt noch ein Absacker und vielleicht nochmal das Schunkel-Lied von gestern.
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